Erste Hilfe beim Hund

Ein Interview mit Schweißhundeführerin und Tierärztin Dr. Judith Kristler Pallhuber aus Innichen

Die Tierärztin Judith Kristler Pallhuber zeigt wie es geht: Der Puls des Hundes kann an der Innenseite des Oberschenkels ertastet werden.

Der Hund ist der treueste Freund des Menschen und ein tüchtiger Begleiter auf der Jagd. Nachsuche und Brackade verlangen unseren vierbeinigen Helfern oft mehr ab, als uns lieb ist. Es kann zu Verletzungen und lebensbedrohlichen Situationen kommen. Tierärztin Dr. Judith Kristler Pallhuber, selbst Schweißhundeführerin, weiß von Berufs wegen worauf es im Notfall ankommt. Ulli Raffl hat mit ihr gesprochen.

Jägerzeitung: Erste Hilfe – da denkt man zuerst an Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Gibt es das tatsächlich auch beim Hund?
Judith Kristler Pallhuber: Ja, das gibt es wirklich. Aber es passiert schon eher selten, dass man eine Reanimation am Tier vornehmen muss. Meist beschränkt sich die Notwendigkeit einer Herzmassage oder Mund-zu-Nase-Beatmung auf Narkosezwischenfälle und betrifft deshalb mehr uns Tierärzte. Viel wichtiger ist mir aber, dass jeder Hundehalter ein Basiswissen hat, damit er abschätzen kann, wann es wirklich notwendig ist, seinen Hund zum Tierarzt zu bringen.

Was sind denn die ersten Anzeichen, dass es dem Hund schlecht geht und wann muss der Hundeführer den Tierarzt kontaktieren?
Wenn sich der Hund ungewohnt verhält, wenn er sehr ruhig oder sehr unruhig ist, nicht aufstehen oder spazieren gehen, fressen oder trinken mag. Auch starkes Hecheln kann ein Hinweis auf Übelkeit oder Schmerzen sein. In solchen Fällen rate ich, genauer hinzuschauen. Wie beim Menschen, gibt es auch beim Hund wichtige Vitalwerte, die Auskunft über seinen aktuellen Gesundheitszustand geben. Dazu zählen innere Körpertemperatur, Puls und Atmung. Die innere Körpertemperatur wird mit einem Thermometer im Rektum gemessen. Den Puls tastet man entweder an der Innenseite des Oberschenkels, dort spürt man das Pulsieren der Oberschenkelarterie oder man fühlt den Herzschlag in der „Achsel“ des Hundes – gleichzeitig kann man die Atmung anhand des Hebens und Senkens des Brustkorbs beurteilen. Auch die Schleimhäute des Hundes geben uns wichtige Hinweise. Diese sind beim gesunden Hund blassrosa und am einfachsten an der Maulschleimhaut zu beurteilen, wenn man die Lefzen umfaltet.

„Ein gesunder Hund hat eine kalte und feuchte Nase.“ Das stimmt zwar zum Teil, aber nicht immer ist der Vierbeiner krank, wenn die Nase warm oder trocken ist. Also keine Panik: Dafür kann es auch harmlose Gründe geben.

Vitalparameter Hund

Innere Körpertemperatur mit einem Thermometer im Rektum gemessen:
38,0 – 38,5 °C großer Hund
38,5 – 39,0 °C kleiner Hund

Schleimhäute Beurteilung an der Bindehaut des Auges, oder an der Maulschleimhaut:
Blassrosa

Puls an der Innenseite des Oberschenkels tasten oder fühlen des Herzstoßes in der „Achsel“:
80-100 Schläge pro Minute großer Hund
100-120 Schläge pro Minute kleiner Hund

Atmung fühlen mit beiden Händen seitlich am Brustkorb:
10-40 Atemzüge pro Minute

Der Hundeführer sollte dem Vierläufer also „aufs Zahnfleisch fühlen“, wenn er den Verdacht hat, dass es ihm nicht gut geht?
Ja, damit bekommt man nämlich Auskunft über das Funktionieren des Kreislaufsystems. Wenn man beim gesunden Hund mit dem Finger kurz auf die Maulschleimhaut drückt, wird diese weiß. Wenn wir wieder loslassen, ist die Druckstelle nach 3 bis 4 Sekunden wieder gut durchblutet und färbt sich wie vorher rosa. Wenn die Schleimhäute blass bleiben oder sehr hell sind, können ein starker Blutverlust oder Kreislaufversagen die Ursache sein, also ein lebensbedrohlicher Zustand für den Hund.
Sind die Schleimhäute hingegen stark gerötet, kann dies auf Austrocknung nach intensiver körperlicher Anstrengung, erhöhte Körpertemperatur, Intoxikation oder Vergiftung hinweisen. Sind sie bläulich, liegt ein Sauerstoffmangel vor: ebenso ein absoluter Notfall.

Wenn ein verletzter Hund Angst hat, Schmerzen oder in einem Schockzustand ist, kann er aggressiv werden und zubeißen. Wie kann man sich da helfen, um nicht selbst ernsthaft verletzt zu werden?
In solchen Situationen muss man den Hund unbedingt sichern und ihm einen Maulkorb anlegen. Hat man keinen zur Hand, kann man das Maul auch mit einer Mullbinde, einer dicken Schnur oder ähnlichem zubinden. Wichtig ist auch das Anleinen, damit der Hund nicht in einem Moment der Panik ausbüxt und womöglich auf eine Straße läuft oder unauffindbar ist.
Oberstes Gebot ist, dass die beteiligten Personen Ruhe bewahren, was sicher nicht immer so einfach ist. Je ruhiger ich bleibe, umso ruhiger ist auch mein Hund.

Dr. Judith Kristler-Pallhuber absolvierte ein einjähriges Praktikum in einer Rinderpraxis in Ostfriesland. Danach kehrte sie in ihre Pusterer Heimat zurück und arbeitet nun seit sieben Jahren in einer Tierarztpraxis in Innichen. Genauso lange ist sie aktive Jägerin im Jagdrevier Niederdorf und führt einen vierjährigen Deutschen Jagdterrier-Rüden, Bär vom Schlangenfelsen. Hier zeigt sie, wie man an der Maulschleimhaut erkennen kann, ob der Kreislauf des Hundes in Ordnung ist.

Diese Erste-Hilfe Ausrüstung sollte ein Hundeführer immer dabei haben

  • Maulkorb oder Maulschlinge
  • Wasser (oder sterile Kochsalzlösung) zum Reinigen von Wunden
  • Pinzette, Schere
  • Abdeckmaterial für Wunden
  • Verbandsmaterial

Bei der Jagd kann sich der Hund nicht selten Verletzungen zufügen, die stark bluten, Frakturen können auch vorkommen. Was ist in diesen Fällen zu tun?
Zuallererst den Hund sichern. Offene Wunden sollte man versuchen zu reinigen. Dazu großflächig mit Wasser oder Kochsalzlösung ausspülen. Bei starken Blutungen einen Druckverband anbringen oder mit der Hand auf die blutende Stelle Druck ausüben. Das Abbinden von Wunden ist meist nicht geboten. Wenn Fremdkörper (Äste, Hornteile usw.) in einer Wunde stecken, sollte man diese keinesfalls selbst entfernen.
Bei Knochenfrakturen kann man versuchen, das betroffene Bein zu schienen oder mit einem dicken Watteverband zu stabilisieren bis man beim Tierarzt ist. Auf keinen Fall selbst versuchen, den Lauf einzurenken!

Leider hört man immer wieder auch von Vergiftungen bei Hunden …
Das tückische bei manchen Vergiftungen ist, dass es dem Hund erst einige Tage später schlecht geht. Eine Vergiftung kann sich dann mit Erbrechen, Durchfall, starkem Speicheln, verminderter Fresslust oder Apathie äußern.
Wenn der Hundebesitzer direkt sieht, dass sein Tier Rattengift, Medikamente, Frostschutzmittel oder ähnliches aufgefressen hat, sollte man schnellstens einen Tierarzt konsultieren. Wir raten unseren Klienten in solchen Fällen, sich 3%iges Wasserstoffperoxid zu besorgen und dem Hund ins Maul einzuflößen, am besten mit einer Spritze ohne Nadel. Normalerweise löst das sofortiges Erbrechen aus. Ansonsten den Hund etwas bewegen, damit der Wasserstoff im Magen aufschäumt und der Hund erbricht. Ich habe selbst erlebt, dass Hunde dadurch schon auf dem Weg zu uns in die Praxis das noch verpackte Rattengift erbrochen haben, was ein absoluter Glücksfall für das Tier war. Ist dies nicht möglich, spritzt dann der Tierarzt ein Arzneimittel, das Erbrechen auslöst.

In vielen Gegenden sind einheimische Giftschlangen keine Seltenheit, und wenn der Hund durchs Gebüsch stöbert, kann es mitunter vorkommen, dass er gebissen wird. Können Schlangenbisse für den Hund tödlich sein?
Ja durchaus, unbehandelt kann ein Schlangenbiss tödlich enden. Ist der Hund von einer Schlange gebissen worden, sollte er deshalb schnellstmöglich zum Tierarzt gebracht werden, wo er eine kreislaufstabilisierende Infusion mit Antitoxinen erhält. Einen schwer kranken Hund kann man eventuell im Rucksack transportieren oder, wenn man zu zweit ist, auf einer Decke oder Rettungsfolie.
Bisse von Giftschlangen erkennt man an der doppelten Bissmarke, das umliegende Gewebe kann sich bläulich verfärben, schwillt meist schnell an und ist schmerzhaft. Der Hund kann Kreislaufprobleme kriegen, erbrechen, oder apathisch werden. Gut ist natürlich, wenn der Besitzer beschreiben kann, welche Schlangenart den Hund gebissen hat.

Zu einem ganz anderen Thema: Ob Jagdhund oder nicht – die Magendrehung bedeutet auch Lebensgefahr für den Hund. Was ist das eigentlich und was muss in so einem Notfall getan werden?
Bei einer Magendrehung gast der Magen auf und kann sich im Bauch drehen, sodass Schlund und Darm blockiert werden. Das Risiko dafür ist um einiges größer, wenn der Hund nach der Futteraufnahme umhertollt oder hastig übermäßige Mengen Wasser trinkt. Bei einer Magendrehung erbricht der Hund zunächst mehrmals nacheinander, im weiteren Verlauf kommt meistens nichts mehr. Ein Kotabsatz ist nicht möglich. Der Bauch ist sehr hart, angespannt und schmerzhaft und erscheint birnenförmig. Der Allgemeinzustand verschlechtert sich abrupt, dem Hund geht es sehr schlecht. Da heißt es: sofort zum Tierarzt, es zählt jede Minute und es geht wirklich um Leben und Tod.

Judith, du bist mit Leib und Seele Tierärztin, und als solche musst Du ja immer auch ein bisschen Herrchen und Frauchen „mit-therapieren“, wenn der Vierbeiner krank ist. Welche Diagnose stellst Du denn unseren Hundehaltern?
Ja eigentlich eine gute. Ich sehe in meiner Praxis, dass der Hund heute – anders als früher – von den Jägern nicht mehr bloß als Mittel zum Zweck angesehen wird, den man im Zwinger parkt und nur zur Jagd herausholt, wenn man ihn braucht. Es freut mich, dass der Jagdhund bei den allermeisten Jägerinnen und Jägern ein richtiges Familienmitglied ist, auf das man gewissenhaft schaut und mit dem man nicht erst zum Tierarzt geht, wenns „gonz grobe fahlt“. Diese Wertschätzung für den Hund sehe ich ganz oft, besonders bei den Schweißhundeführern, das ist etwas sehr Schönes.

Vielen Dank Judith für das Gespräch.

Ulli Raffl 

Wer noch mehr über Erste Hilfe beim Jagdhund erfahren will, dem empfehlen wir folgenden Link. Der Deutsche Jagdverband hat eine 9-teilige Videoserie zum Thema veröffentlicht.
www.jagdverband.de/content/downloads-jagdhundewesen